Katia Huemer

 

 

1-2-3 lautet der Titel der Ausstellung in der Galerie artepari, die zwei sehr unterschiedliche künstlerische Positionen zusammenbringt: Anna-Maria Bogner und Constantin Luser. Von der Linie (also der ersten Dimension) über die zweidimensionale Zeichnung in die dritte Dimension, den Raum. Diesen Weg beschreiten sowohl Anna-Maria Bogner als auch Constantin Luser, wenn auch auf gänzlich andere Art.

 

Anna-Maria Bogners klare, den Raum vermessende Arbeiten loten auf fast wissenschaftliche Weise Möglichkeiten und Grenzen der eigenen Wahrnehmung aus. Auch wenn Einstein uns das Gegenteil bewiesen hat, gelten Raum und Zeit als die festen und scheinbar unverrückbaren Ankerpunkte unserer Welt. Unser Leben findet in verschiedensten Räumen statt, und wir bewegen uns wie selbstverständlich von einem in den anderen: vom privaten in den öffentlichen Raum, durch geografische, natürliche, soziale und virtuelle Räume. Raum umfasst aber viel mehr als das rein körperlich erfahrbare Umfeld, wir sprechen von Handlungsräumen, von Spielräumen, Zwischenräumen und Zeiträumen, wir benötigen Raum, um uns zu entwickeln oder zurückzuziehen, schaffen Lebens-, Erlebnis- und Siedlungsraum, und das unvorstellbar Unendliche bezeichnen wir als Weltraum.

 

In all diesen begrifflichen Beispielen zeigt sich, dass unsere Vorstellung von Raum sich immer an der einzigen tatsächlich festen Größe unserer Wahrnehmung orientiert – nämlich an den Grenzen, die uns Körper und Geist vorgeben. Diese Grenzen sind aber nicht unbedingt als Barrieren zu verstehen, da sie für unser räumliches Erfassen unerlässlich sind. So versucht Anna-Maria Bogner in ihren Arbeiten also nicht, die Grenzen zu sprengen, im Gegenteil, ihr Bestreben ist es, sich die eigene körperliche Verortung bewusst zu machen. Dies macht die Künstlerin, indem sie mit geringem Materialaufwand volumenerzeugende, begehbare Geometrien schafft, die mit unserer Wahrnehmung ein paradoxes Spiel treiben und uns eindrücklich sowohl die Möglichkeiten als auch die Beschränkungen dieser Wahrnehmung vor Augen führen. Der Intention der formal konzeptuell und minimalistisch wirkenden Werke ist dabei eine durchwegs gesellschaftlich-philosophische: Die physische Erfahrung beim Betreten der raumgebenden Installationen lässt automatisch auf das Hier und Jetzt fokussieren und nötigt zur vollkommenen Präsenz. Die Künstlerin lenkt dabei die Aufmerksamkeit auf physiologische Phänomene und vermittelt Erfahrungen, die unser räumliches Bewusstsein schärfen.

 

Auch Bogners Grafiken erschließen neue Räumlichkeiten und Perspektiven. Mit wenigen, präzise gesetzten Linien, Kurven oder Flächen durchdringt die Künstlerin die Zweidimensionalität des Bildträgers und zeigt, dass Reduktion Volumen erzeugen kann. Ständig befindet sich das Auge auf der Suche nach bekannten Formen, nach architektonischen Assoziationen oder geometrischen Bildern. Hilfestellung etwa durch eine sprechende Titelgebung gewährt Bogner nicht; wir sind gefordert, unserer individuellen Raumwahrnehmung nachzugeben oder gegebenenfalls eine Entscheidung darüber zu treffen, was wir in den räumlichen Visualisierungen der Künstlerin zu sehen vermögen. In diesem Sinn ist Raum für Anna-Maria Bogner ein Experimentierfeld, das durch die Vielfalt an individuellen Wahrnehmungs-möglichkeiten unendlich bleibt.

 

 

Im Gegensatz zu Anna Maria-Bogners strukturierter Herangehensweise zur Erforschung des Raumes sprengen Constantin Lusers Visualisierungen schier unendlicher Assoziationsketten jeden strukturellen und inhaltlichen Rahmen.

 

Die Zeichnung gilt traditionell als unmittelbarster Ausdruck einer Künstlerpersönlichkeit. Auch wenn sich Constantin Lusers Schaffen längst nicht mehr auf zweidimensionale Bildträger beschränkt, ist das Zeichnen für ihn doch Ausgangspunkt und ständiger Begleiter im künstlerischen Prozess. Nicht von ungefähr führt Luser stets ein Buch mit sich, in dem er Erfahrungen, Erlebnisse und Eingebungen im buchstäblichen Sinn aufzeichnet.

 

Den Betrachtern seiner Werke bietet sich eine Fülle aus Versatzstücken dieser persönlichen Gedankenwelt. Die Motive sind so vielfältig wie das Universum des Künstlers und reichen von humorvollen Betrachtungen des Lebens über utopische Maschinenkonstruktionen (die Luser zuweilen auch skulptural „materialisiert“) bis hin zu verstörenden Phantasien. Mit Anmerkungen, Begriffen oder sogar Anekdoten versehen führt ein Bild zum nächsten. Einem Comic nicht unähnlich, doch ohne vorgegebene Leserichtung oder direkte Zusammenhänge, erzählen diese Zeichnungen Geschichten. Die Leerstellen zwischen den Szenarien werden beim Betrachten assoziativ im Kopf geschlossen – oder schaffen eben aufgrund ihrer Unüberbrückbarkeit Irritation. Beinahe fühlt man sich voyeuristisch, in die private Gedankenwelt des Künstlers hineinzusehen und in den Details zu versinken. Dabei befindet man sich auf der permanenten Suche nach einem Schlüssel zu den Gedankengängen, die einen womöglich dahin führen könnten, das große Ganze auszumachen. Die dynamische Energie der Zeichnungen – die nicht nur durch die von Constantin Luser oft angewandte Technik entsteht, mehrere Stifte parallel zu führen, sondern vor allem auf die Dichte an Informationen und Verbindungen zurückzuführen ist – führt stringent vom Zeichenblatt über die raumumfassende, installative Wandzeichnung zur dreidimensionalen Raumzeichnung aus Draht. Mit fabelhafter Leichtigkeit drehen sich diese Objekt gewordenen Zeichnungen in alle Richtungen und ermöglichen auf diese Weise einen körperlichen Perspektivenwechsel auf die Imagination des Künstlers. Die Schattenbilder, die dabei entstehen und der ständigen Veränderung unterworfen sind, werden – genau wie das fragile Drahtobjekt selbst – zur bewegten Zeichnung und führen das Dreidimensionale zurück zu seinem Ursprung in der Fläche, der Linie, dem Punkt.

 

So könnte man feststellen, dass es das Spiel mit Dimensionen ist, das Anna Maria-Bogner und Constantin Luser vereint. Dabei führen uns beide vor Augen, dass die Grenzen unserer Wahrnehmung gleichzeitig die Grenzen unseres Universums sind. Denn räumliche Dimensionen sind keine physikalisch feststehenden Konstanten, sie werden von uns „erfunden“ und entstehen in Wechselwirkung unserer Innenwelt (also Sinne, Gehirn, Bewusstsein) mit einer „dimensionsfreien“ Außenwelt, die nur aus Strukturen und Substrukturen besteht. In diesem Sinn ist unsere Wahrnehmung durchaus imstande, die reinen Fakten zu ändern. Im Grunde genommen also alles eine Frage der Perspektive.

 

 

Text zur Ausstellung 1-2-3 | 6. May – 30. June 2017

Anna-Maria Bogner | Constantin Luser

Galerie artepari, Graz, Austria